Prof. Dr. U. Trautwein, Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Bildungsforschung, der vor kurzem einen Ruf aus Berlin an die Universität Tübingen erhielt, führte die aufmerksame Zuhörerschaft in das Thema ein mit einem Vortrag über die Durchlässigkeit des Schulsystems in unserem Bundesland. Anhand von Zahlen, wie beispielsweise dass von den 50% eines Jahrganges, die eine Studienberechtigung erwerben, nur die Hälfte aus den allgemein bildenden Gymnasien kommt oder dass 45% der Hauptschüler eine mittlere Reife erwerben, verdeutlichte er einmal mehr, dass in Baden-Württemberg den Schülern an mehreren Gelenkstellen immer wieder die Möglichkeit geboten wird, ihre eingeschlagene Schullaufbahn zu korrigieren.
Anschließend gab unser Kultusminister Helmut Rau einen Überblick über die in den letzten Jahren eingeführten Verbesserungsmaßnahmen im Bildungssystem und führte hierbei Punkte an wie das schon von Prof. Trautwein angesprochene ausgeprägte berufliche Schulwesen, die Hochbegabtenförderung, die Sprachförderung, den Schulanfang auf neuen Wegen, die Einrichtung der Bildungshäuser für 3-10-Jährige in manchen Kommunen und die Einführung der neuen Bildungspläne, nach denen den Schulen sehr viel mehr Spielraum gegeben worden wäre, eigenverantwortlich zu gestalten. Die Stimmen aus dem Auditorium machten in der anschließenden Fragerunde deutlich, dass viele von diesen Möglichkeiten noch nicht an der Basis umgesetzt werden können aufgrund von beispielsweise fehlenden Stunden bei Rektoren und Lehrern. Eine Frage aus dem Auditorium zielte beispielsweise auf die geplante Einführung von so genannten Schulassistenten zur Entlastung der Rektoren ab, in deren Genuss offenbar bisher nur sehr wenige Schulen gekommen sind. Die erbrachte finanzielle Kraftanstrengung der Landesregierung, den Klassenteiler in den Folgejahren auf 28 Schüler herabsetzen zu wollen, hat hier laut Aussage des Ministers aber zunächst einen großen Teil der eingeplanten Mittel aufgezehrt. Die Schilderungen der betroffenen Lehrer und Eltern in den Fragerunden machten jedoch deutlich, dass hier sicherlich noch erheblich mehr Investitionsbedarf besteht. Die wenige Tage nach diesem Forum veröffentlichten Ergebnisse und die leichte Verschlechterung Baden-Württembergs im letzten PISA-E-Ländervergleich in Relation zu den anderen Bundesländern verdeutlichte ergänzend dazu eindringlich noch einmal, dass die Landesregierung hier ihre Anstrengungen noch weiter forcieren muss. Eine Verringerung des Klassenteilers auf 28 – in Sachsen liegt er hier schon seit Juli 2004 - darf nicht eine der wenigen flächendeckend eingeführten Maßnahmen bleiben, wenn wir nicht weiter an Boden verlieren wollen!
Den Abschluss der Veranstaltung bildeten drei parallel laufende Foren. In Arbeitsgruppe 1 stellte das Landesinstitut für Schulentwicklung die seit 2008 für alle Schulen vorgesehene Fremdevaluation vor. Ziel ist es, an den besuchten Schulen die Qualitätsentwicklung durch Analyse des Schulportfolios, Interviews mit Schülern, Eltern, Lehrern und der Schulleitung, Beobachtung von Unterrichtssituationen, einen Schulhausrundgang und einer Zusammenfassung der Ergebnisse in einem Abschlussbericht zu fördern. Die Umsetzung und damit Qualitätsentwicklung liegt dann jedoch wieder in der Eigenverantwortung der einzelnen Schule bzw. der Schulleitung! In den anderen beiden Arbeitsgruppen wurden Rahmenbedingungen und Gestaltungsmöglichkeiten von Schulen am Beispiel einzelner Schulen skizziert bzw. in Arbeitsgruppe 3 die Bedeutung der frühkindlichen Förderung noch einmal hervorgehoben.
Die große Resonanz in allen Veranstaltungen war für die Initiatoren dieses Bildungsforums der sicherste Beweis für die dringende Notwendigkeit dieser Veranstaltung, zumal dieses Thema auch vielen der Teilnehmer im kommunalen Wahlkampf in den nächsten Monaten im Gespräch mit den Bürgern massiv begegnen wird. Zudem war es für die Entscheidungsträger in unserer Landtagsfraktion sicher sehr hilfreich, durch die in den Abschlussrunden gestellten Fragen die Probleme bei der Umsetzung der von Herrn Rau geschilderten eingeführten Maßnahmen in der täglichen Arbeit an der Basis in den Schulen und Bildungseinrichtungen zu erfahren. Dieses Bildungsforum war damit sicherlich ein guter weiterer kleiner Schritt auf dem langen Weg, der bei der dringend nötigen Verbesserung unserer Bildungssystems noch vor uns liegt!
Dr. Tania Fuchs